Golden Trash

eine Zusammenarbeit mit den Tänzern des MDKollektivs

Als dort hin gezogen bin, sah Köln in meinen Augen aus wie eine Art Labor-Stadt.

Alles war modern, brutal, work-in.progress.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur in Italien gelebt und war in Florenz aufgewachsen, wo ich sowohl das Gymnasium als auch die Universität besuchte, die mitten im Zentrum der Stadt lag. Wenn ich darüber nachdenke, verbrachte ich die meiste Zeit in sehr alten, Unesco-geschützten ehemaligen Klöstern und wunderschönen mittelalterlichen Palazzos (jetzt, fast Zehn Jahre später, ist mir bewusst, wie viel Glück ich hatte, so viel historische Schönheit zu erleben...) Die Eindrücke, die ich von der neuen Umgebung hatte, waren überwältigend, aber gleichzeitig auch einladend und anregend. 

An der Musikhochschule habe ich mich sofort mit Ruben angefreundet, einem charmanten Cellisten aus Australien, der immer eine interessante Geschichte zu erzählen hatte und mit dem ich große Freude daran hatte, zusammen zu spielen oder einfach nur vom Blatt zu lesen, und zwar so ziemlich das gesamte Duo-Repertoire für Cello und Klavier. Es ist schwer, keine Nostalgie für diese ersten Monate meines "neuen Lebens" in Deutschland zu empfinden, die so voller Freiheit, Leidenschaft und unbekannter kultureller Codes waren, die es täglich zu interpretieren galt. 

Einmal fragte er mich, ob ich an einem Projekt teilnehmen wollte, von dem er gehört hatte: Ein zeitgenössisches Tanzkollektiv in Köln suchte zwei Musiker für eine Zusammenarbeit an Morton Feldmans Stück Patterns on a Chromatic Field (1981).

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Die Tänzer des Michael Douglas Kollektivs bei der Premiere ihrer Show Golden Trash (2013) ©Martin Miseré

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Live-Musik für Cello und Klavier zur Premiere der Show Golden Trash

©Martin Miseré

Es klang so interessant, dass ich mich daran erinnere, eine Zugverbindung zum Flughafen verpasst zu haben, nur um sofort auf die Anfrage antworten zu können (was mir einige Schwierigkeiten bereitete, aber das ist eine andere Geschichte).

Meine Beziehung zum Tanz hat etwas von Catulls odi et amo, denn ich tanzte selbst mit Freude, bevor ich die unbequeme "Explosion" meines mediterranen Körpers als Teenager erlebte. Danach wurde der Tanz zu einer versteckten Präsenz in der Musik, die ich spielte, eine Leidenschaft, die ich nur heimlich und indirekt kultivierte. Allerdings hatte ich vor Golden Trash noch nie mit zeitgenössischen Tänzern zusammengearbeitet, weshalb meine Vorfreude auf das Projekt umso größer war. 

Gleich bei der ersten Probe nahm sich der Choreograf Georg Reischl Zeit für uns und erklärte uns die abstrakten Implikationen, die seine Arbeit mit dem MichaelDouglas Kollektiv verfolgte.

Ich sehe die Gesten noch vor mir: Allein die großen Armbewegungen in der Luft schienen mir eine unvergessliche Lehre zu Feldmans Musik zu sein. Ich konnte beobachten, wie jeder Ton und jede Motivwiederholung, wie Sterne auf der Erde, von den experimentellen Tänzern des MichaledDouglas Kollektivs in Bewegung umgesetzt wurden.

 

Ihre Art zu interagieren und zusammenzuarbeiten, radikal frei von Kompromissen und vorgefertigtem kulturellen Ballast, hinterließ auch bei mir ein anderes Gefühl: Ich bewegte mich vorwärts, war bereit, Teil einer neuartigen, vielfältigen und aufgeschlossenen Umgebung zu sein, die mit der Zeit mein neues "Zuhause" wurde.

©Vittoria Quartararo 2021

Choreographie: Georg Reischl

Bühne: Cécile Martin

Musik: Morton Feldman 'Patterns on a Chromatic Field' 

Cello: Ruben Palma

Klavier: Vittoria Quartararo

Tanz:  MichaelDouglas Kollektiv (Susanne Grau, Sabina Perry, Douglas Bateman, Michael Maurissens, Adam Ster)

Produktionsassistenz: Ronja Nadler

Wissenschaftliche Dokumentation: Dörte Weig